Treue Mitarbeiter gewinnt man am ersten Tag – oder man verliert sie

Nicola Aerschmann, Kommunikation SSO
Istock
Ein Team in einer Zahnarztpraxis.

In Zahnarztpraxen verlässt ein Fünftel der neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die neue Stelle bereits in den ersten 45 Tagen, oft wegen mangelhafter Einführung. Was eine gute Einarbeitung bewirkt und weshalb die ersten Arbeitstage entscheiden, wie lange jemand bleibt.

Nach langer Suche findet eine Praxis endlich die ideale neue Dentalassistentin. Dann der Schock: Die Neue kündigt bereits in der Probezeit wieder. Eine ärgerliche ­Situation für die Praxisinhaberin: Der ge­samte Rekrutierungsprozess beginnt von vorne. Das ist teuer und zeitaufwendig.

Bis zu 87 000 Franken Kosten

Studien zeigen: Die Suche nach Ersatz kostet durchschnittlich 50 000 bis 87 000 Franken, Rekrutierung, Einarbeitung und Produktivitätsverlust eingerechnet.

Dass Mitarbeitende schnell wieder kündigen, liegt oftmals nicht am «Match», sondern an der ungenügenden Einführung des neuen Teammitglieds, dem sogenannten Onboarding. Laut der Brandon Hall Group, einer der führenden internationalen HR-Forschungsorganisationen, verbessert eine strukturierte Einarbeitung die Mitarbeiterbindung um 82 % und steigert die Produktivität um über 70 %. Dabei sind die ersten sechs Monate entscheidend – mehr als die Hälfte der frisch Angestellten kündigen in diesem Zeitfenster.

Die Zahlen stammen zwar aus der allgemeinen Wirtschaft und nicht spezifisch aus der Zahnarztbranche. Dass fehlendes Onboarding auch in den Praxen Kosten verursacht, ist aber unbestritten.

Wertschätzung zeigen

Vertrag, Berufskleider, Arbeitszeiten: Ein gutes Onboarding beginnt bereits vor dem ersten Arbeitstag. Rufen Sie beispielsweise drei Tage vor Arbeitsbeginn an und fragen Sie den neuen Mitarbeiter: «Freuen Sie sich? Haben Sie noch Fragen?» Solche kurzen Anrufe zeigen Wertschätzung.

Wichtig ist auch ein klares Einführungsprogramm. Vergessen Sie nicht, das gesamte Praxisteam zu informieren. Wer erklärt dem oder der Neuen die Hygieneprotokolle? Wer zeigt, wie die Behandlung am Stuhl funktioniert? Und wie lässt sich die Einführung mit dem Praxisbetrieb vereinbaren?

Erklären Sie Abläufe präzise, auch wenn sie Ihnen selbstverständlich erscheinen. Nicht jede Praxis arbeitet gleich. Und vergessen Sie nicht, dass auch die Integration ins Team zum Onboarding gehört. Die lockere Kaffeerunde ist deshalb genauso wichtig wie die strukturierte Praxisführung. In entspannter Atmosphäre werden Werte vermittelt und man baut gegenseitig Vertrauen auf.

Onboarding ist ein Marathon

Die Einarbeitungsphase dauert mindestens sechs Monate, idealerweise ein ganzes Jahr. Experten empfehlen gestaffelte Phasen. Orientierung bietet die 30-60-90-Methode. Das bedeutet: In den ersten 30 Tagen werden Grundlagen vermittelt. In den nächsten 30 Tagen bringt sich die neue Arbeitskraft bereits aktiver ein. Nach 90 Tagen übernimmt sie noch mehr Verantwortung und arbeitet weitestgehend selbstständig.

Regelmässiges Feedback ist dabei entscheidend. Am Anfang führt man vielleicht wöchentlich ein Gespräch, später nur noch einmal pro Monat oder Quartal. Nach sechs Monaten ist eine umfassende Standortbestimmung empfehlenswert.

Das Wichtigste ist: Nehmen Sie den Aufwand für die Einarbeitung auf sich. Gutes Onboarding kostet Zeit, schlechtes On­boarding kostet mehr. Nutzen Sie die untenstehende Checkliste als Startpunkt und passen Sie sie an Ihre Praxis an.

 

Checkliste Onboarding

Vor dem ersten Arbeitstag

  • Vertragliche Situation prüfen und klar kommunizieren
  • Startzeit und Arbeitsort mitteilen
  • Alle praktischen Informationen bereitstellen (Material, Dresscode usw.)
  • Praxisteam informieren, insbesondere die Personen, die an der Einarbeitung beteiligt sind

Am ersten Arbeitstag

  • Strukturierte Einarbeitung sicherstellen
  • Abläufe in der Praxis erklären
  • Führung durch die Räumlichkeiten geben
  • Integration ins Team fördern (z.B. informelle Kaffeerunde)

Nach dem ersten Arbeitstag (Dauer: 6 bis 12 Monate)

  • Ansprechperson definieren
  • Mitarbeitende in die Rolle einführen, schrittweise Verantwortung übergeben
  • Regelmässige Feedback-Gespräche halten
  • Nach 6 Monaten: Standortbestimmung