259 Extraktionen, 39 Füllungen und 79 Versiegelungen in neun Arbeitstagen: Diese eindrückliche Leistung haben Nora Oelbermann und ihr Team bei einem Einsatz für Zahnärzte ohne Grenzen in Sambia vollbracht. «Es ist körperlich extrem hart», sagt die Inhaberin der Praxis Zahninsel in Bern. «Da wir keinen Zahnarztstuhl wie bei uns zur Verfügung hatten, mussten wir oft im Stehen behandeln.» Dazu komme, dass man sich das Zähneziehen im Akkord in der Schweiz nicht gewohnt sei.
Doch nicht nur körperlich war der Einsatz in Sambia für die Zahnärztin und ihre beiden Dentalassistentinnen herausfordernd. Viele Leute wollten oder brauchten eine Behandlung – mehr, als das Team aus Europa überhaupt behandeln konnte. «Es ist eine mentale Herausforderung, viele Menschen wegschicken zu müssen. Man muss den ganzen Tag Entscheidungen treffen», so Oelbermann. Allen gerecht zu werden sei schwierig.
Körperliche und mentale Herausforderungen, dazu die Tatsache, dass man zwei Wochen Ferien investieren muss – aus der Sicht von Oelbermann lohnt sich ein solcher Einsatz trotzdem. 2018 war sie bereits in der Mongolei. Nun, acht Jahre später, in Sambia.
«Man erlebt das Reisen auf diese Weise viel intensiver und kommt mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt», sagt Oelbermann. Die Einsätze seien jeweils auch sehr gut organisiert, fast wie bei einer «Pauschalreise», wie die Zahnärztin es beschreibt. «Wir hatten ganz tolle Betten, es wurde für uns gekocht. Wir konnten uns voll auf die Arbeit konzentrieren und uns nach der Schicht jeweils gut erholen.»
Trotzdem: Für das Projekt, das auf Freiwillige angewiesen ist, gestaltet sich die Personalsuche immer komplizierter. Immer weniger Leute sind bereit, ihre Freizeit für einen solchen Hilfseinsatz zu opfern. Und ein solcher Einsatz ist auch nicht jedermanns Sache. «Man muss schnelle Entscheidungen treffen, arbeitet ohne Röntgen und hat keinen Chirurgen als Back-up», erklärt Oelbermann. Entsprechend seien mutige und flexible Personen gefragt.
Die Personalsuche wird auch durch gewisse Vorurteile erschwert. «Viele denken vielleicht, es sei in diesen Ländern unsicher oder dreckig.» In Sambia hat die Zahnärztin das aber ganz anders erlebt. «Ich konnte morgens problemlos alleine joggen gehen», erzählt sie. Auch lasse sich das Engagement gut mit dem Praxisalltag vereinbaren. Im Falle Sambias, das gegenüber der Schweiz (fast) keine Zeitverschiebung aufweist, ist der Jetlag beispielsweise keine Gefahr.
Der negative Trend bei der Personalsuche ist nicht nur bei Zahnärzte ohne Grenzen zu beobachten. Anderen Organisationen wie Sportvereinen macht der Mangel an Freiwilligen ebenfalls zu schaffen. Oelbermann sagt: «Es gibt einen gewissen Egoismus in der Gesellschaft. Man fragt sich vielleicht: Warum sollte ich in meiner Freizeit noch arbeiten?»
Die Zahnärztin beantwortet diese Frage für sich so: «Mir ist es wichtig, das Glück, das wir haben, zu teilen und der Gesellschaft etwas zurückzugeben.» Und wenn Behandlungen erfolgreich verlaufen, sind das Momente, die auch der Zahnärztin und den Dentalassistentinnen in Erinnerung bleiben. «Geteiltes Glück ist doppeltes Glück», hält Oelbermann fest.
Aktuell sind die Zahnärzte ohne Grenzen in vier Ländern aktiv: Neben Sambia sind dies die Kapverden, Tansania und Togo.
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